Hinter den spektakulären Mondlandungen verbarg sich ein unscheinbares, aber lebenswichtiges System aus Papier: das Flight Data File. In einer Ära hochkomplexer Raumfahrttechnik bildeten gedruckte Checklisten und Cue Cards das analoge Rückgrat der Apollo-Missionen – als Arbeitsanweisung, Sicherheitsnetz und Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine.
Während der Apollo-Programm-Missionen kamen äusserst komplexe Technologien zum Einsatz – von Navigationsrechnern über Lebenserhaltungssysteme bis hin zu wissenschaftlichen Experimenten. Doch bemerkenswerterweise lag der Grossteil des dafür notwendigen operativen Wissens nicht in elektronischer, sondern in gedruckter Form vor. Die NASA bündelte diese Vielzahl an Unterlagen unter dem Begriff Flight Data File (FDF): dem vollständigen Satz an Dokumenten, der der Besatzung an Bord zur Durchführung der Mission zur Verfügung stand.
Ein FDF umfasste den offiziellen Flugplan, zahlreiche Checklisten, Datensystem-Dokumentationen, Missionskarten, Sternkarten und Cue Cards. Zusammengenommen bildeten diese Unterlagen ein physisches, streng konfigurationskontrolliertes Informationssystem. Jede Änderung musste formell genehmigt werden, da die Abläufe unmittelbar mit den engen Sicherheitsmargen des Apollo-Systems verknüpft waren. Das FDF war damit weit mehr als eine Sammlung von Papieren: Es fungierte als analoges Gedächtnis der Mission – zugleich Arbeitsanweisung, Referenzwerk und Sicherheitsnetz.
Innerhalb dieses Systems nahmen die Checklisten eine zentrale Rolle ein. Für jede Missionsphase – Start, Erdumlaufbahn, Trans-Mondflug, Landung, EVA und Rückkehr – existierten eigene, detaillierte Hefte mit Schritt-für-Schritt-Prozeduren. Im Durchschnitt kamen pro Mondmission mehr als zwanzig solcher Dokumente zum Einsatz, darunter grossformatige System- und Notfallchecklisten sowie kleinere Checklisten für spezifische Teilaufgaben, etwa die Fehlersuche im Lunar Module oder die detaillierte Lunar Surface Checklist mit sämtlichen Arbeitsschritten auf der Mondoberfläche. Diese Dokumente waren formale Referenzen unter strenger Konfigurationskontrolle und bildeten die verbindliche Grundlage aller Handlungen an Bord.
Spickzettel für den Mond
Aus den umfangreichen Checklisten wurden für besonders kritische Phasen kompakte Cue Cards (Stichwortkarten; hier abgebildet zwei Cue Cards von Apollo 17) abgeleitet – gewissermassen Spickzettel für den Ernstfall. Sie enthielten nur die wichtigsten Schritte, Zeitmarken oder Diagramme für Manöver wie Rendezvous, Phasenwechsel im Mondorbit, Landung, Aufstieg oder Notfallszenarien bei Kommunikationsverlust. Gedruckt auf stabilem Karton, häufig beidseitig genutzt und mit Klettstreifen versehen, konnten die Astronauten sie gut sichtbar an Instrumententafeln oder Fenstern befestigen, statt in umfangreichen Heften zu blättern.
Der Apollo-15-Astronaut David Scott beschrieb sie später als informelle Merkhilfen, die das Gedächtnis entlasten und Handlungsabläufe in Stresssituationen beschleunigen sollten – ein bewusst reduziertes Gegenstück zu den vollständigen, formalisierten Checklisten.
Besonders anschaulich wird ihr Nutzen am Beispiel der EVA-Cue-Cards, wie sie etwa bei Apollo 11 verwendet wurden. Sie führten Schritt für Schritt durch das An- und Ablegen der Raumanzüge, den Betrieb der Lebenserhaltungssysteme, den Druckabbau in der Kabine und die Rückkehr ins Fahrzeug. Andere Karten stellten grafisch die Trajektorien eines Rendezvous dar oder listeten Massnahmen bei Funkabbrüchen auf, sodass die Besatzung im Cockpit auf einen Blick die nächsten Aktionen erfassen konnte.
Zusammen bildeten Checklisten und Cue Cards innerhalb des Flight Data File ein redundantes, physisch robustes Informationsnetz. In einer Umgebung, in der elektronische Systeme ausfallen konnten und Zeitdruck über Leben und Tod entschied, stellte dieses analoge Dokumentensystem die unmittelbare Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine dar – niedrigtechnologisch im Medium, aber hochwirksam in seiner Funktion.
Checklisten für Mondspaziergänge
Bei den Apollo-Mondspaziergängen kamen zusätzliche Checklisten zum Einsatz, die die Astronauten mit sich führten. Während die Checklisten von Neil Armstrong und Buzz Aldrin noch direkt auf den Handschuhen befestigt waren (hier zu sehen: Armstrongs Handschuh; Bild: Smithsonian National Air and Space Museum), trugen die Astronauten ab Apollo 12 kleine Büchlein – sogenannte Cuff Checklists –, die am Ärmel des Raumanzugs angebracht waren (hier abgebildet: die Checkliste des Apollo-17-Astronauten Gene Cernan; Bild: RR Auction).
Zunehmend elektronisch – aber nicht nur
Auch nach der Apollo-Ära wurden bei Weltraummissionen weiterhin Cue Cards verwendet. Diese waren zusammen mit detaillierten Checklisten weiterhin von entscheidender Bedeutung, um schnelle Referenzen für kritische Verfahren und Erinnerungen während des Fluges in allen nachfolgenden NASA-Programmen bereitzustellen, darunter die Space-Shuttle-Missionen. Damit schlugen sie eine Brücke zwischen der frühen analogen Technologie und den späteren, stärker digitalisierten Arbeitsabläufen.

Für SpaceX-Missionen mit der Crew-Dragon-Kapsel stehen die Prozeduren den Astronauten in elektronischer Form auf den grossen Touchscreens des Cockpits sowie auf mitgeführten Tablets zur Verfügung. Dort sind Flugplan, Systemanzeigen, Prozeduren und Notfallabläufe integriert, sodass die klassischen Papier‑Checklisten früherer Programme entfallen.
Ganz verschwunden ist Papier in der modernen Raumfahrt aber nicht: Wie bei ISS-Operationen üblich, existieren weiterhin ausgedruckte Prozeduren und Übersichten – insbesondere für Notfälle, Referenztabellen oder als Backup, falls Displays oder Tablets ausfallen. Zudem gibt es auf der Raumstation einen Drucker, auf welchem geänderte Checklisten und weitere Arbeitshilfen ausgedruckt werden können.
STS-88-Missionskommandant Robert D. Cabana (links) und Pilot Frederick W. „Rick“ Sturckow (rechts) nehmen ihre Plätze im Cockpit der Raumfähre Endeavour ein. Auch hier sind sowohl Checklisten als auch Cue Cards zu sehen. Bild: NASA
Alle hier gezeigten Objekte mit Ausnahme der Cuff Checklists gehören zur Sammlung von Guido Schwarz